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Eine Riesengeburtstagsparty für den VW Bulli

Mehr als 70.000 Besucher kamen Anfang Oktober zum Messegelände in Hannover

11/2007

Von: Hartmut Holder
Fotos: Hartmut Holder
Das war für Bulli-Fahrer, Besucher und Organisatoren gleichermaßen ein unvergleichbares Ereignis: „60 Jahre Bulli“ und das Internationale VW-Bus-Treffen vom 5. bis 7. Oktober in Hannover. Das waren Menschen, Stories und Erlebnisse, von denen viele erst verarbeitet werden müssen. Das war ein von Kritikern hoch gelobtes Live-Konzert von The Who mit einem „Magic Bus“-Special und vielen Geschehnissen am Rande. Insgesamt 71.000 Besucher kamen an den drei Tagen zum Messegelände in Hannover. 5.100 VW Busse und VW Transporter waren da. 11.500 Camper aus 28 Nationen zelebrierten den Bulli.

Das Internationale VW-Bus-Treffen wird in die Geschichte von Volkswagen Nutzfahrzeuge eingehen – es war ein Event voller Emotionen, Herzblut und vor allem Liebe für den Volkswagen Bulli. Unser Dank gebührt den treuen Fans, die aus aller Welt zu uns kamen, um „60 Jahre Bulli“ zu feiern“, sagte Stephan Schaller, Sprecher des Vorstandes von Volkswagen Nutzfahrzeuge.

Egal, ob als Streifenwagen, klassischer MTW oder KTW, aber auch als Kleinlöschfahrzeug und neuerdings auch Vorausrüstwagen ist der Bulli nicht mehr wegzudenken. Klar, dass auch die Autos mit den Sonderlackierungen, Martinshörnern und Blaulichtern auf dem Gelände der Messe Hannover nicht fehlen durften. Als bunte Farbkleckse mischten sie sich unter die Transporter und Wohnmobile. Auffallend dabei, wie liebevoll die Autos in den letzten Jahrzehnten gepflegt worden sind. Bei einigen Modellen hatte man geradezu den Eindruck, sie seien erst vor kurzem von den Bändern des nahen Transporterwerks gerollt. Ein Großteil der Sonderfahrzeuge von einst befindet sich jetzt aber in Privatbesitz. Und wie stolz die Besitzer auf ihre roten, grünen und weißen Raritäten sind, konnte man in Hannover an jeder Ecke des großen Messegeländes sehen.

Eines der ersten Sonderfahrzeuge war neben den Blaulicht-Bullis von Polizei, Feuerwehr und Sanitätsdienst, die bei der Lorcher Karosseriefabrik Binz gefertigte Doppelkabine. Die Nachfrage nach solchen Spezialfahrzeugen stieg über die Jahre derart an, dass Volkswagen die Fertigung dieser Aus- und Umbauten sukzessiv in die eigene Hand nahm. So produzierten die Hannoveraner ab 1959 die Doppelkabine zum Beispiel in eigener Regie. Das galt auch für Bullis, die eine berufsspezifische Grundausstattung zur individuellen Erweiterung hatten.

So kam der Entwicklung des „werkseigenen“ Krankenwagens (Erstvorstellung im Herbst 1951) beispielsweise eine Änderung der Karosserie entgegen. Denn zwei Jahre nach dem Erscheinen des ersten Transporters bekam der Bulli eine Heckklappe. Zudem wurden die Motorraumhöhe verringert und das Reserverad sowie der Benzintank verlegt. Das hatte zur Folge, dass die Tragen nun über das Heck des Fahrzeugs ein- und ausgebracht werden konnten. Die Einrichtung des Modells 27, so der Insider-Jargon, wurde in den folgenden 15 Jahren kaum verändert.

Sie definierte sich stets durch eine Krankentrage auf einem linoleumbeschichteten Tragentisch mit Unterbauschrank, ausgestattet mit Schubläden sowie durch eine zweite gefaltete Trage. Des Weiteren waren ein Krankentrage-Sessel und zwei Sitze für die Sanitäter mit an Bord. Blaulicht, Dachlüfter und eine seitliche Einstiegshilfe komplettierten den Ausbau. Die Einstiegshilfe entfiel Anfang der 60er-Jahre, als es optional eine Schiebetür anstatt der beiden Klapptüren zu bestellen gab.

Am Ende der Bauzeit lag die Zahl der von Volkswagen produzierten und weltweit exportierten Krankenwagen schon in den Tausenden.

Mit dem Modell 21F präsentierte Volkswagen Mitte der 50er-Jahre ein speziell vorbereitetes Tragkraftspritzen-Fahrzeug (TSF-T). Der in RAL 3000 feuerwehrrot lackierte Transporter wurde vor allem mit einem verstärkten Federpaket ausgestattet, da die mitgeführte Tragkraftspritze und der zugehörige VW-Industrie- Antriebsmotor das zulässige Gesamtgewicht gänzlich auskosteten.

Zudem kamen Ausstattungsfeatures hinzu, die die Feuerwehr-Norm verlangte. Dazu zählten unter anderem Notsitz und Heizung im Geräteraum, Batteriesteckdose und Türen ohne Schlösser. Ab 1964 wurde der Feuerwehrwagen nur noch mit dem stärkeren 1,5-Liter-Boxermotor angeboten, der anfangs 42, später dann 44 PS leistete. Damit waren Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h möglich. Zudem bekam der TSF-T von Werk aus eine optimierte Bremsanlage.

Anfang der 60er-Jahre wurde dem 21F ein Bruder zur Seite gestellt, der mit einer Trockenlöschanlage PLA 250 ausgerüstet war. Er kam hauptsächlich dort zum Einsatz, wo Gase, Flüssigkeiten oder elektrische Anlagen aufgrund von Überhitzung brannten. Die Feuerbekämpfung erfolgte über zwei abstellbare Löschpistolen, die über einen Druckbehälter insgesamt 250 kg Löschmittel ausschleuderten.

Als Dritter im Blaulicht-Bunde erblickte der „werkseigene“ Po- lizeiwagen das Licht der Welt. Nach langen Erprobungsjahren im Polizeidienst kristallisierte sich 1957 ein Transporter heraus, der zur Verkehrsüberwachung und zum gelegentlichen Gefangenentransport eingesetzt wurde. Der 23 Kombi SO 4 ließ sich zudem zum Radarwagen, Kripo-Sondereinsatzfahrzeug und zum Funkstreifendienst einsetzen.

Dennoch blieben über fast zwei Jahrzehnte die Kooperationsverträge mit den meisten „Systemlieferanten“ bestehen. Zu umfangreich waren die unterschiedlichen Anforderungen an den Tausendsassa geworden, als dass Volkswagen jede Nische hätte selbst bedienen können.

Mit dem neuen Modell des Transporters, dem T2, übernahm der Kundendienst die Koordination und Gesamtverantwortung für die Individualisierung der in Hannover gefertigten Modelle. 1982 entstand daraus der Sonderwagenbau und in Folge das Service-Center-Spezialausstattungen, aus der 2003 die Business Unit Spezialfahrzeuge hervorgehen sollte.

Vertriebsvorstand Harald Schomburg hatte bei der Eröffnung des Festes bemerkt, dass die Dimension und Internationalität dieses Events gezeigt habe, dass man eine Fan-Gemeinde habe, deren Loyalität unvergleichlich ist.

Allein aus dem Ausland kamen 800 Bullis mit 2.500 Personen. Die weiteste Anreise hat dabei ein Fahrer aus Russland auf sich genommen, der mit seinem Wagen 2.587 Kilometer zurücklegte. Noch weitere Strecken legten einige Journalisten zurück: Sie kamen aus Australien, USA und sogar Taiwan nach Hannover, um über das Kult-Mobil zu berichten. 150 Kuriositäten konnten Besucher bestaunen, darunter einen als Wassergefährt tauglichen VW Bus, einen Stretch-Bulli und einen Samba-Bus aus Holz. Und nicht zu vergessen: Die seit Jahrzehnten bei den Hilfsdiensten eingesetzten Sonderfahrzeuge.

The Who live in Hannover: Das wollten sich auch viele Musiker nicht entgehen lassen, und so durfte Volkswagen Nutzfahrzeuge zahlreiche Überraschungsgäste aus der nationalen und internationalen Musikszene begrüßen: Jerry Meehan und Neil Taylor (Bassist und Lead-Gitarrist während der Close Encounters Tour von Robbie Williams im Jahr 2006) und Danny Farrent, Drummer der britischen Punk-Band Buzzcocks, kamen, um ihre großen Idole zu bestaunen. Auch Klaus Meine und Rudolf Schenker von den Scorpions ließen es sich nicht nehmen, sich das Konzert anzuschauen und trafen die Band backstage.

Backstage gaben Moderatorin Barbara Schöneberger sowie Jury-Mitglied Patrice (MTV) und Schauspieler Manuel Cortez vereinzelte Interviews. „Das Event zeigt, dass wirklich ein ganz besonderer Schlag Menschen Bulli fährt. Wer einen Bulli fährt, ist cool drauf. Bulli ist ein Lebensgefühl“, sagte Barbara Schöneberger.

Ein so großes Event erfordert nicht nur viel Manpower, sondern auch einiges an Technik. So wurden 14 Kilometer Zaun aufgebaut und 25 Kilometer Stromkabel verlegt. Das Equipment für die Live-Shows füllte 140 Sattelschlepper.

Es gab 1.400 Quadratmeter überdachte Bühnenfläche, 55.000 Quadratmeter groß war die Festplatzfläche, die Campingflächen insgesamt waren stolze 255.000 Quadratmeter groß, und die Volkswagen Nutzfahrzeuge-Ausstellungsfläche für Bullis 18.500 Quadratmeter.

Die Wirtschaftsbetriebe von Volkswagen Nutzfahrzeuge und viele Partner versorgten 71.000 Besucher, 550 Journalisten und VIP-Gäste. Allein die Wirtschaftsbetriebe selber lieferten rund 5.000 Volkswagen Currywürste an und hatten 80 Kellner und 30 Köche im Einsatz. 15.000 Geschirrteile wurden auf das Messegelände geliefert.
 


5.100 VW Busse und VW Transporter waren auf dem Gelände der Messe Hannover beim 60. Geburtstag des VW Bulli. 11.500 Camper aus 28 Nationen zelebrierten das Fahrzeug


Barbara Schöneberger im Gespräch mit Hannovers OB Stephan Weil vor einem T5 der Feuerwehr Hannover.


Ein Oldie ist der T1 aus Marling


Der kleine Peter hat noch eine passende Kelle zum T1 Oldie


Der T2 aus dem Jahr 1979 war bei der Werksfeuerwehr VW in Salzgitter im Einsatz


Fast 60 Jahre Geschichte im direkten Vergleich: Der T1 der Freiwilligen Feuerwehr Tappenbeck und der T5 der Bad Bevensener, der als ELW eingesetzt wird


Ein so genannter „werkseigener“ Krankenwagen aus dem Jahr 1956. Im Herbst 1951 wurde das Fahrzeug erstmals vorgestellt


Die typische Variante des Katastrophenschutzes, wie sie nicht nur in Nordrhein-Westfalen eingesetzt wurde


Die achtjährige Meike brachte ihren eigenen Bulli mit


Insgesamt 71.000 Besucher kamen an den drei Tagen zum Messegelände in Hannover


Typenvielfalt pur. Egal, ob als Bus, Camper oder TSF. Der Bulli ist ein Stück deutscher Geschichte

Eingesetzte Kräfte
Eine Automobil-Entwicklung nach dem heutigen Verständnis hat der Volkswagen Transporter erst durchgemacht, nachdem er 1947 als kantiger Prototyp das Laufen gelernt hatte. Der Not gehorchend, nicht etwa, weil es auf den dümpelnden europäischen Automobilmärkten der Nachkriegszeit plötzlich einen gigantischen Boom für praktische Mehrzweckautomobile gegeben hätte. Der T1 mit samt dem Kult, den er ausgelöst hat, wurde gemacht. Mit der Hand, am Arm von Ingenieuren und Technikern mit Fin- gerspitzengefühl und Improvisationstalent. Sie haben ein Epoche machendes Mobil auf die Räder gestellt.

Der Plattenwagen, so die interne Bezeichnung für ein uriges Vehikel zum Transport schwerer Lasten im Wolfsburger Volkswagenwerk, ist der Ideenlieferant – für Ben Pon, Autohändler und Volkswagen Importeur in den Niederlanden. Er ist begeistert von der Idee, die die Werker in der Fabrik zu einem mobilen Hilfsmittel geformt hatten: Käfer-Achsen und -Antrieb, über dem 25-PS-Motor im Heck des Fahrzeugs eine Sitzbank für den Fahrer, davor eine senkrechte Platte, um das Betriebsabteil von der Ladefläche abzugrenzen. Eine abenteuerlich anmutende, geradezu primitive Konstruktion, aber sehr praktisch.

Ben Pon versucht, diesem Plattenwagen eine Betriebserlaubnis für die Niederlande zu verschaffen – und scheitert. Seinen zweiten Anlauf bereitet er mit einer Handskizze für die Behörden vor. Deutlich ist die Silhouette eines T1 mit all seinen technischen Besonderheiten zu sehen: Frontlenker, Heckmotor, dazwischen eine glatte Ladefläche. Diesem intensiv diskutierten Denkmodell folgt 1948 ein Entwicklungsauftrag von Heinrich Nordhoff, der aus den Trümmern des Wolfsburger Werks die Geschicke von Volkswagen leitet.

Das erste Exemplar eines Typs 29, so die interne Bezeichnung des ersten Transporters mit Käfer- und Kübelwagen-Technik, ist nach weniger als einem halben Jahr fahrbereit. Aber nicht lange. Das Testprogramm kann nicht wie geplant durchgeführt werden, weil das Chassis, das für den Käfer gut ist, dem Typ 29 nicht reicht. Mangelhafte Verwindungsfestigkeit von Chassis und Karosserie verwandelt jede Kurvenfahrt in ein Abenteuer mit offenem Ausgang. Im nächsten Versuchsstadium erweist sich die selbsttragende Konstruktion des Aufbaus als die richtige. Fahrwerksteile werden gegenüber der Käfer-Technik stabiler dimensioniert und verhelfen dem Transporter zum angestrebten Niveau an aktiver Sicherheit.

Im Frühjahr 1950 rollen die ersten Transporter aus der Wolfsburger Produktionsanlage auf die Straße, angetrieben von einem 25 PS starken, luftgekühlten Boxer-Motor im Heck.
 
Wie der Bulli zu seinem Namen kam
In Deutschland kennt man ihn einfach als Bulli – klar, so heißt der VW Bus. Doch dass dieser eigentlich nur ein inoffizieller Name ist, das wissen nur wenige. „Bulli“ ist ein Spitzname, der im Volksmund entstand – weil der Bus knuffig, bullig aussieht und weil er gleich zweifach funktioniert: als Bus und als Lieferwagen. Zusammengezogen heißt das dann Bu(s)Li(ieferwagen) und wird noch mit einem zweiten „l“ ausgestattet, denn dann lässt es sich besser aussprechen. Dass der Bulli ein Liebhaber-Stück ist und Emotionen bei seinen Besitzern weckt, zeigen aber auch die vielen anderen Spitznamen, die ihm im Laufe der Zeit auf der ganzen Welt verliehen wurden.

Die englischsprachige Welt, vor allem in Großbritannien und in den USA, kennt noch sehr viel mehr „Nicknames“: Vee-Dub, Hippie-Mobile, Hippie-Bus, Hippie-Van, Combie, Microbus, Transporter, Splitty, Splitscreen oder Split-Window für alle vor 1967 produzierten Modelle in Analogie zu ihrer geteilten Frontscheibe. Die zwischen 1968 und 1979 entwickelten Modelle heißen „Bay Window“ (Bucht-Fenster) aufgrund der stark gekrümmten Windschutzscheibe oder Barndoor (Scheunentor) wegen seiner Zwei-Flügel-Tür, die nach außen geöffnet wurde.

Auch die Peruaner haben eine besondere Verbindung zum Bulli und bezeichnen ihn als Combi oder gar als Combi Asesina, was übersetzt „Mörder-Kombi“ heißt und auf die halsbrecherische Fahrweise der Busfahrer in Lima zurückgeht, wo er häufig als öffentliches Verkehrsmittel eingesetzt wird.

In Südafrika trägt er den Namen Volksie Bus (auf deutsch: Volks-Bus). Dieser Spitzname wurde sogar von der Werbeindustrie aufgegriffen und in Werbespots benutzt. Oder er heißt dort einfach nur Kombi, genau wie in Australien, Mexiko und Brasilien. In Brasilien, wo der Kombi seit 1957 gebaut wird, nennt man ihn liebevoll „velha senhora“ – die „alte Dame“.